Forschung

mehrraum

mehrraum nutzt das temporäre Flächenpotential vorhandener und zu planender Raumprogramme zur Förderung neuer, sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltiger Nutzungsmischungen.

Auf einen Blick

Ausgangslage: Räume erhalten meist eine feste Nutzung und liegen in der übrigen Zeit brach. Flächen und Infrastrukturen sind über Tag, Woche und Monat nicht ausreichend ausgelastet. Idee: mehrraum staffelt sich ergänzende Nutzungen zeitlich. Dem Raum wird nicht nur eine Nutzung zugewiesen, sondern den Akteuren werden Zeitkontingente zugeschrieben. „Form folgt Funktion“ wird zu „Form folgt Potential“. Wirkung: mehrraum schont Ressourcen, bereichert die Stadt und schafft wirtschaftliche Synergien, etwa durch niedrigere Hürden für neue Konzepte und Geschäftsideen. Studie: „mehrraum – Die zeitgerechte Stadt, Potentiale der Mehrfachnutzung“ entstand im Auftrag des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg in Abstimmung mit der Stadt Laupheim.

mehrraum – Die zeitgerechte Stadt: Titel der Studie mit isometrischer Darstellung mehrfach genutzter Räume

Titel der Studie „mehrraum – Die zeitgerechte Stadt“: unterschiedliche Nutzungen teilen sich einen Raum, zeitlich versetzt.

Prolog

Die Grundlagen aktueller städtebaulicher und architektonischer Planungen sind strikte Definitionen und Vorgaben zum spezifischen Raumprogramm und deren Typologien. Diese basieren auf einer klaren Nutzungszuweisung zu einem Raum und Ort. In Zukunft wird sich diese Beziehung auflösen, hin zu einer zeitbezogenen Nutzung von Raum. Folge muss ein Umdenken bei der Entwicklung und dem Umgang mit Baufächen, hin zu einer durchmischten und flexiblen Nutzung und Typologie sein. Gebäude oder Gebiete werden nicht mehr hinsichtlich eines Programms und somit einer Typologie definiert und geplant, sondern als Räume ausgewiesen, die zeitversetzt unterschiedliche Nutzungen aufnehmen müssen. Grundrisstypologien und planerische Vorgaben müssen angepasst werden. Ihnen wird nicht mehr singulär ein Raumprogramm zugewiesen, sondern sie werden offen für unterschiedlichste Nutzungen konzipiert. Raum muss mehr können. „Form folgt Funktion“ wird zu „Form folgt Potential“. Erforderlich ist dafür die Vereinfachung von inkompatiblen und strikten planerischen Vorgaben und Regularien, hin zu einem flexiblen Raumangebot, welches temporäre Nutzungsanpassungen erlaubt. Das Ideal des fließenden Raums wird neu interpretiert und um die Dimension der Zeit erweitert. Die zeitliche Dimension lässt die Materie Raum in neue Aggregatzustände übergehen. Sie verschiebt den Fokus vom rein atmosphärischen Konzept des fließenden Raums auf die existentielle Definition des Raums rein durch seine tatsächliche Nutzung.

Das Konzept

mehrraum nutzt das temporäre Flächenpotential vorhandener und zu planender Raumprogramme zur Förderung neuer, sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltiger Nutzungsmischungen. mehrraum wirkt dabei als effizienter Katalysator für die Parallelnutzungen von wirtschaftlich weniger starken gewerblichen, sozialen, künstlerischen und kulturellen Nutzungen. Im Bestand und in zukünftigen Planungen sind bei veränderter Nutzungskonzeption und Parallelnutzung große Flächenpotentiale vorhanden. Im Sinne eines gesellschaftlichen Wandels zu mehr Nachhaltigkeit und Gemeinsinn, müssen diese Aspekte verstärkt betrachtet werden.

Zielsetzung

Das Ziel der Studie mehrraum ist vor dem Hintergrund steigender Flächen- und Ressourcenknappheit das ungenutzte Potenzial vorhandener Flächen ins Blickfeld zu rücken. Das ungenutzte Potential sind Flächen und Infrastrukturen, welche über den Tag, die Woche und den Monat verteilt, nicht ausreichend ausgelastet sind, bzw. nicht genügend genutzt werden. Ein maßgeblicher Grund sind strikte Definitionen und Vorgaben zu spezifischen Raumprogrammen, aber auch Eigentums-, Miet- und Betriebskonzepte, welche zur Folge haben, dass die Flächen nur innerhalb einer bestimmten Zeitspanne betrieben werden. In der restlichen Zeit liegen diese „brach“. Dieses Muster soll die Studie aufbrechen.

Strategie

Das Konzept von mehrraum gründet auf dem Prinzip der Mehrfachnutzung durch eine zeitliche Staffelung von sich ergänzenden Nutzungen. Dies resultiert in einer Verringerung von zeitlich relevanter Flächenverschwendung dank ausreichender Auslastung von Flächen, Räumen und Infrastrukturen.

Grundlagen

Mehrfachnutzung

Grundsätzlich bestimmen eng definierte Raumprogramme und gängige Typologien die Gestalt von Neubauten. Es werden monofunktionale Räume geplant und gebaut. Einer bestimmten Fläche wird dabei eine festgelegte Nutzung zugeschrieben. Dies hat meist zur Folge, dass der Nutzungszeitraum dabei nicht weiter beachtet wird. Das Prinzip der „Mehrfachnutzung“ ergänzt das Raumprogramm um eine zeitliche Komponente. So wird der Fläche nicht nur einer bestimmte Nutzung, sondern den einzelnen Akteuren auch bestimmte Zeitkontingente zugeschrieben. Durch eine intelligente Kombination von Akteuren und Nutzungen kann die sogenannte „Mehrfachnutzung“ von Ressourcen entstehen. Raumkonzepte die dies abbilden, nennen wir „mehrraum“. vgl. Schröer, A. (2019), Mehrfach:Nutzen - Mehrfachnutzung und Space Sharing als Strategie zur nachhaltigen Stadtentwicklung, S. 212f

Zeitgeographie und „raumzeitliche“ Betrachtung

Im Feld der Zeitgeographie wird für das zusammenhängende Gefüge der räumlichen und zeitlichen Komponenten von Aktivitäten der Begriff „raumzeitlich“ verwendet. In Bezug auf bestimmte Nutzer (Personen oder Personengruppen), bestimmte Zeitmuster und einen bestimmten Ort können Aktivitätsmuster „raumzeitlich“ beschrieben werden. Das Feld der Mehrfachnutzung analysiert die Muster, in denen Raum multiple Gelegenheiten zur Nutzung bietet, sobald man die zeitliche Komponente raumzeitlich mitbetrachtet.

Zukunftspotential

Was eine Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung zielgerichtet bewirken kann, zeigen in der Bauwelt bereits seit Jahrzehnten erfolgreiche gemeinschaftliche Wohnprojekte. Soweit gibt es in der Praxis allerdings noch wenig andere Projekte die eine Mehrfachnutzung bei anderen Nutzungsarten propagieren. Jedoch wird die Idee des Teilens von Gütern und Dienstleistungen immer populärer. Food-Sharing, Kleider-Tausch, Fahrrad-Sharing, Mitfahrgelegenheiten bis hin zu digitalen Plattformen zum Teilen/Tauschen von Werkzeugen, Pflanzen und Büchern gehören längst zum Alltag von vielen Menschen. Der Tausch bzw. das Weitergeben findet meist einmalig statt und ist unverbindlich. Die meistverwendete Form des Teilens bleibt das Car-Sharing. Vorteile für den Einzelnen sind, die Umlage der Kosten für Wartung, TÜV, Parkplatzgebühren, KFZ-Steuer und Versicherung auf die Mehrheit. Das Teilen von Ressourcen ist in erster Linie als eine Notlösung entstanden. Mit der Zunahme des Wohlstands bzw. nach der Industrialisierung hat sich eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft entwickelt, die Besitz und nicht den reinen Zugang zu Ressourcen anstrebt. Die kollektive Entwicklung eines Umweltbewusstseins und eines Wandels zu einer nachhaltigeren Gesellschaft hinterfragt alte Denkmuster und lässt das Teilen von Ressourcen in neuem Licht erscheinen. Diese das Alte hinterfragenden Modelle entstehen derzeit in allen Lebensbereichen und Lebensabschnitten. mehrräume sind Bausteine dieses Wandels. Das bisherige Modell Räumen singuläre Nutzungen zuzuschreiben, wird durch sie in Frage gestellt, während sie nicht von der Hand zu weisende Vorteile mit sich bringt.

mehrraum wirkt ressourcenschonend

Die effiziente Nutzung bereits vorhandener Bausubstanzen durch intensivere Auslastung und die strategische Bündelung mehrerer Nutzungsszenarien und Akteure reduziert die Notwendigkeit neuer Bauvorhaben und reaktiviert brachliegende Bestandsflächen.

mehrraum bereichert die Stadt

Die Erweiterung der städtischen Akteure durch Mehrfachnutzung hat zur Folge, dass das Stadtleben lebendiger und vielfältiger wird. Das verfügbare Angebot wird bereichert und neue kommunikative Wechselbeziehungen entstehen. Die von Städteplanern und Architekten so vielfach erwünschte Urbanität wird bewusst provoziert. Stadtentwicklung kann so durch intensivere Nutzungszeiten und gestärkte Nachbarschaften nachhaltiger werden und gesellschaftlich positiv ausstrahlen.

mehrraum fördert wirtschaftliche Synergien

Zwischenvermietung reduziert die laufenden Kosten für die einzelnen Nutzer. Alle Akteure profitieren von erhöhter Präsenz sowie Exposition und können so leichter neue Kundenstämme erschließen. Besonders attraktiv ist mehrraum für neue Konzepte und Geschäftsideen, welche sich aufgrund der niedrigen Hürden der Zwischenmiete leichter austesten lassen. Ohne umfangreiche Investitionen und langfristig bindende Mietverträge ist es leichter ins Risiko zu gehen. Zudem können bis dahin nicht rentable Geschäftskonzepte durch die kostensenkenden Bedingungen lukrativ werden. So wie die bekannten Fälle des Sharings, das gemeinschaftliche Wohnen, aber auch das Teilen von Gegenständen zeigen, kann auch mehrraum von Raum funktionieren und positive Einflüsse auf Mensch und Umwelt haben. Aber es verlangt Mut und Bereitschaft für Neues. Mut, die Komfortzone, welche Behaglichkeit und Sicherheit schenkt, zu verlassen. Bereitschaft, um neue Nutzungsmuster zu erproben und sich als Teil eines Sozialgefüges zu sehen. mehrraum verlangt Einsatz, welcher sich jedoch, wie in vorigen Kapiteln beschrieben, monetär und sozial auszahlen kann. Wir sehen mehrraum als einen wichtigen Baustein zu einer ökologisch, ökonomisch und sozial resilient aufgestellten Gesellschaft.

Studie, Vorträge und Projekte

Die Studie „mehrraum – Die zeitgerechte Stadt, Potentiale der Mehrfachnutzung“ entstand im Auftrag des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg in Abstimmung mit der Stadt Laupheim.

Plakat zum 2. Experten-Dialog der Wohnraumoffensive Baden-Württemberg

2. Experten-Dialog „Lücken Nutzer:in“ der Wohnraumoffensive Baden-Württemberg, 1. Oktober 2021, Stuttgart-Rot.

Studie als PDF lesen →Vorträge und Veröffentlichungen →Alle Projekte →mehrraum@teamwerk-architekten.de
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